360° Rundgang durch Timm Ulrichs – „Willkommen im Museum Ostwall“

Im MO-Schaufenster präsentierte das Museum Ostwall bis Mitte Juli seine Neuerwerbungen und Schenkungen des „Totalkünstlers“ Timm Ulrichs. Gezeigt wurden vor allem Arbeiten aus den 1960er bis 1980er Jahren, die verschiedene Tätigkeitsbereiche und Themen des vielseitigen und seit über 60 Jahren aktiven Künstlers aufgreifen. Mit seinen Aktionen, Performances, Objekten und Installationen hinterfragt Ulrichs auf ironische und spitzfindige Art geläufige Wahrnehmungsmuster und Weltansichten. „Neugier und Zweifel sind die Produktivkräfte, die mich am meisten voranbringen. Nichts glauben!“ (Timm Ulrichs) 

Über den Künstler

Timm Ulrichs, geboren 1940 in Berlin, beginnt nach dem Abitur ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Hannover. Enttäuscht vom Hochschulwesen, bricht Ulrichs das Studium nach 12 Semestern ab, um sich als freischaffender Künstler, fernab der Zwänge des kommerziellen Kunstbetriebs, künstlerisch zu verwirklichen.

1961 gründet er die Werbezentrale für Totalkunst & Banalismus mit Zimmer-Galerie & Zimmer-Theater und erklärt sich zum „ersten lebenden Kunstwerk“. Er produziert Plakate, Postkarten, Flugblätter und Drucksachen, die er allesamt in Eigenregie verkauft. 1966 organisiert Ulrichs seine öffentliche „Selbstausstellung“ in Frankfurt am Main, lange vor Marina Abramović, und verbringt fünf Tage in einem Glaskasten.Anfang der 70er Jahre erhält er eine Berufung an die Kunstakademie Münster, wo er bis 2005 als Professor für Bildhauerei und Totalkunst tätig ist.

Als selbsternannter „Totalkünstler“, der unter anderem geprägt wurde durch den russischen Konstruktivismus, die Dadaisten und Surrealisten, lässt sich das Schaffen von Timm Ulrichs nicht in eine Schublade stecken. Sein Entdeckerdrang bringt immer wieder neue Ideen und Konzepte hervor. Grundlegend ist dabei das aufmerksame Beobachten und Hinterfragen des Alltäglichen; das Hinterfragen dessen, was uns umgibt, beeinflusst und prägt. Dazu zählt auch unsere verbale und schriftliche Ausdrucksweise. Timm Ulrichs nimmt die Dinge gern mal beim Wort, visualisiert unsere bildhafte Sprache und stellt Konventionen und Normen infrage.

Über die Werke

Die nun in die Sammlung des Museums Ostwall aufgenommenen Werke zeugen von feinsinnigem Humor und Gespür für Kuriositäten des Alltags: So zeigt Ulrichs Arbeit „Zwei schwarze Schafe“ zwei Schafsfiguren, die „Outsider“ in ihrer jeweiligen Gemeinschaft sind: Ein schwarzes Schaf ist unter 23 weißen Schafen ebenso Nonkonformist, wie ein weißes Schaf unter 23 schwarzen Schafen. Seine 50-teilige Fotoserie „Die Welt im Wohnzimmer. Das Fernsehgerät als Sockel und Hausaltar“ führt uns zurück in eine Zeit, in der das Fernsehgerät der Mittelpunkt eines jeden Wohnzimmers war. Auf diesem Kasten wurden Fotos, Blumen, Andenken – 2 -und allerlei Nippes von besonderer Wichtigkeit platziert, so dass man bei den täglichen Nachrichten stets auch das Enkelkind oder ein gerahmtes Bild Jesu Christi im Auge behalten konnte. Auch „Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz. Ein Verwandlungskunststück“, zwei Tierskulpturen, die bereits 2014 in der MO-Ausstellung „Arche Noah“ zu sehen waren, sind nun Teil der Sammlung. Wolf und Schaf haben hier ihr Fell getauscht, und es stellt sich die Frage, welche Art der Tarnung eigentlich die gefährlichere ist.

Interaktiver Rundgang durch die Sammlung

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Dr. Stefan Mühlhofer, komm. Künstlerischer Leiter des Museums Ostwall ist begeistert: „Wir haben es uns im Museum Ostwall seit langem zur Aufgabe gemacht, die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts möglichst lebensnah zu vermitteln. Die Werke Timm Ulrichs, die sich zwischen Alltagsleben und Kunstwelt bewegen, sind für uns ein großer Gewinn.“

Die insgesamt 23 Neuerwerbungen und Schenkungen bereichern die Sammlung des Museums Ostwall um eine wichtige zeitgenössische künstlerische Position, die ihren Ursprung in den 1960er und 1970er Jahren hat. Als Zeitgenosse von Kunstströmungen wie Fluxus und Happening, die einen wichtigen Schwerpunkt der Sammlung des MO bilden, hat auch Timm Ulrichs den etablierten Kunstbetrieb und das damit verbundene Konzept genialer Autor*innenschaft immer wieder kritisch hinterfragt. Die für jene Zeit typische Verbindung von „Kunst und Leben“ trieb Ulrichs auf die Spitze, erklärte das eigene Leben zum Kunstwerk und sich selbst zum „Totalkünstler“.

Zu den erworbenen Arbeiten zählen unter anderem:

Welt im Wohnzimmer. Das Fernsehgerät als Sockel und Hausaltar,2001/08 In 50 Fotografien dokumentiert diese Arbeit die eigentümliche Beziehung zwischen dem privaten und dem medial-öffentlichen Raum. Die Aufnahmen entstanden vornehmlich in Seniorenheimen in Slowenien. Der Fernsehapparat, bereits selbst ein Relikt vergangener Zeit, fungiert als „Altar“, der den privaten Reliquien (wie Fotos und Mitbringsel) eine auratische Wahrnehmung verleiht. Die Oberkante des Fernsehgerätes bildet hier eine wahrnehmbare Trennung zwischen dem Privatem und dem Öffentlichen, eine Grenze, die heutzutage immer undurchsichtiger wird.

Ich kann keine Kunst mehr sehen! 1975
1975 ging Timm Ulrichs als vermeintlich blinder Besucher mit dem Schild „Ich kann keine Kunst mehr sehen!“ über die Kunstmesse Art Cologne und kritisierte mit dieser Performance den Kunstmarkt und dessen Kommerzialisierung.

THE END, Augenlid-Tätowierung, 1970/16.5.1981
1981 lässt sich der Künstler den Schriftzug »THE END«, das Schlussbild klassischer Spielfilme, als modernes »memento mori« auf sein Augenlid tätowieren.

Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz. Ein Verwandlungskunststück, 2005/10
Die Installation mit zwei Tierpräparaten ist die Visualisierung bildhafter Sprache und ein Spiel der Täuschung und Sinnhaftigkeit.

Wolf im Schafspelz – Schaf im Wolfspelz. Ein Verwandlungskunststück, 2005/10
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