INTERVIEW: 10 JAHRE DIE FLIEGENDE BILDER

mit Judith Brinkmann & Mirjam Gaffran (Leitung UZWEI)

Judith Brinkmann & Mirjam Gaffran (Foto: UZWEI)

Anlässlich der Renovierung der Installation haben wir einige Persönlichkeiten aus Dortmund und unserem Haus zu ihren Erinnerungen an die letzen 10 Jahren mit den fliegenden Bildern interviewt.

1. Wie denkt ihr über die Fliegenden Bilder? Welche besondere Bedeutung haben die Fliegenden Bilder aus eurer Sicht für die Stadt Dortmund oder für euch persönlich? 
Judith: Auch für mich als nicht „Ur-Dortmunderin“, sondern frisch Zugezogene, steht der U-Turm mit seinen Fliegenden Bildern für die Stadt Dortmund – wie ein Wahrzeichen. Seitdem ich im Dortmunder U arbeite, gehört es jeden Morgen zu meinem Start in den Tag dazu, zu entdecken, welche Bilder an dem jeweiligen Tag  am Turm herumfliegen – umso mehr freue ich mich darauf, wenn es bald wieder los geht und die Bilder im neuen Glanz erstrahlen! 
Für die Stadt Dortmund generell stehen die Fliegenden Bilder meiner Meinung nach unter anderem für den Wandel, den die Stadt in den letzten Jahrzehnten durchlebt hat. Wo früher die Industrie das Stadtbild geprägt hat, ist es heute die Kultur! Kultur ist ja sowieso eine wichtige Voraussetzung und ein Katalysator für einen gelingenden strukturellen Wandel und damit verbundene Prozesse. Die Fliegenden Bilder und der U-Turm stehen für die Identifikation der Dortmunder*innen mit ihrer Heimat und laden zugleich auch Tourist*innen ein – was wiederum ein wichtiger ökonomischer Faktor ist, gerade in einer Region, die stark vom Strukturwandel geprägt ist. Die Fliegenden Bilder stehen damit stellvertretend auf jeden Fall auch für den lebendigen Erhalt eines tollen Industriegebäudes! 

Mirjam: Die Fliegenden Bilder am Dortmunder U sind fester Bestandteil des Dortmunder Stadtbildes geworden. Sie symbolisieren für mich sowie für viele andere Dortmunder*innen Heimat. Dies schaffen die Fliegenden Bilder nicht nur durch ihre leuchtende Präsenz, sondern auch durch die regelmäßig wiederkehrenden Bildern, die einem nach all der Zeit vertraut geworden sind und dennoch immer wieder neuen Motiven Platz machen. Und ich bin besonders stolz, dass der Blick auf meine Heimat eben nicht nur von Bürohochhäusern, Industriegebäuden, Fernsehtürmen und Kirchen geprägt ist, sondern dass das auffälligste Merkmal des Stadtbildes ein Kulturort ist, in dem Kunst und Kreativität gefeiert werden. 

2. Wie haben die Fliegenden Bilder euch in den letzten Jahren begleitet? 
Judith: Da ich erst seit Kurzem in Dortmund wohne, ist es nicht so, dass die Bilder mich schon seit Jahren begleiten. Allerdings verbinde ich mit ihnen dennoch ein „Dortmund-Gefühl“. Immer wenn ich mit dem Zug aus meiner Heimatstadt Essen nach Dortmund gefahren bin (was dank der Vielfalt der kulturellen Institutionen hier recht oft der Fall war!) war das Erste, was ich von Dortmund gesehen habe, der hell erleuchtete U-Turm mit den Fliegenden Bildern. Daher sind sie für mich wie ein „WILLKOMMEN IN DORTMUND“-Zeichen! 

Mirjam: Die Fliegenden Bilder haben sich in das Bild der Stadt eingebrannt. Ich wohne im Westen der Stadt und habe regelmäßig einen wunderbaren Blick auf die Dortmunder Skyline und den U-Turm. Sie begleiten mich fast täglich auf meinen Wegen durch und in die Stadt. Die beste Aussicht gibt es übrigens auf der Brücke am Hafen entlang des Zubringers (Mallinckrodtstraße) oder oberhalb des Emscherwegs in Dorstfeld. 
Besonders spannend finde ich es, wenn der U-Turm auf aktuelle Ereignisse und Geschehnisse in Dortmund und darüber hinaus reagiert. Wenn er auf Nazi-Demos antwortet, das BVB-Spiel ankündigt oder die Tauben in den Fenstern Corona-Abstand halten müssen. Mit viel Humor und dennoch Tiefe spiegelt er das Leben in Dortmund und das was uns Dortmunder*innen bewegt. Und es wird nicht langweilig: Auch nach 10 Jahren entdecke ich immer wieder Bilder, die ich noch nicht kannte. 

Fliegender Müll am Dortmunder U (Foto: The Daily U)

3. Gibt es eine persönliche Geschichte, ein Erlebnis, das ihr mit den Fliegenden Bildern verbindet? 
Judith: Weil mein Orientierungssinn mich gerne einmal im Stich lässt, habe ich mich zu Beginn meiner Tätigkeit auf der UZWEI zweimal verfahren – glücklicherweise konnte ich den Turm dank der leuchtenden Fliegenden Bilder von der Mallinckrodtstraße aus sehen und wusste so, in welche Richtung ich abbiegen muss… Ich bin sicher, dass in den nächsten Jahren zahlreiche Geschichten dazukommen werden, die dann aber sicher mehr mit ästhetischen Erfahrungen und Inhalten als mit mangelnder Orientierung zu tun haben! 

Mirjam: Mich begeistern besonders Kunst und Kultur, die Interaktionen möglich machen. So war mein persönliches Highlight das Füttern der Fische am U-Turm zur Museumsnacht 2013. Besucher*innen der Museumsnacht 2013 konnten Fischfutter kaufen, das anschließend den Fischen am U-Turm zu Gute kam. Auf charmante Art und Weise konnte man die Installation somit selber beeinflussen, während man gleichzeitig mit einem Augenzwinkern über die oft finanziellen Schwierigkeiten von freischaffenden Künstler*innen in der Kultur aufmerksam gemacht wurde. Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, würde ich mich über noch mehr solch gelungener Interaktionen freuen. 

4. Habt ihr ein Lieblingsmotiv? Welches Motiv findet ihr besonders gelungen? 

Judith: Generell finde ich es toll, dass die Fliegenden Bilder auch die Möglichkeit geben, sich zu bestimmten gesellschaftlichen Themen zu positionieren, Solidarität zu zeigen und aufmerksam zu machen: Als Statement gegen Rassismus, als Dank an die „Kumpel“ zum Ende der Steinkohleförderung, als Zeichen der Anteilnahme, gegen Gewalt und für Pressefreiheit und vieles mehr! 
In Zeiten des Lockdowns fand ich „ART INSIDE“ besonders schön – auch wenn niemand rein durfte und darf, hat der Turm verraten, was sich hinter den Mauern verbirgt und hoffentlich bald wieder zu sehen sein kann! 

Mirjam: Ein Motiv überzeugt mich besonders durch seine Relevanz für unser Zusammenleben auf diesem Planeten: Der Müll. Der um das U herum wirbelnde Müll rund macht aufmerksam auf unser Konsumverhalten, das wir dringend ändern sollten. Die Fliegenden Bilder präsentieren den Müll dabei ironischer Weise auf eine so ästhetische Art, dass er dadurch nahezu anmutig erscheint. Der Müll ist nur eines von vielen Motiven, die das Geschehen in Dortmund und darüber hinaus kommentieren. Der U-Turm zeigt damit nicht nur schöne ruhrgebietsnahe Motive, die eine ästhetische Bereicherung des Stadtbildes sind und ein Bild von Heimat formen, wie das Bier, das den Turm regelmäßig umspült, sondern er bezieht durch die Fliegenden Bilder auf meist humorvolle Art Stellung und kommentiert, was ich persönlich sehr gelungen finde. 

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