Kunst an den Körper!

Im Rahmen ihres Freiwilligen-Dienstes hat die diesjährige FSJlerin des Museum Ostwall (MO), Marisa Laios, das Projekt “Kunst an den Körper!” realisiert. In Absprache mit dem Team „MO Bildung und Kunstvermittlung“ entwickelte sie drei Kleidungsstücke in Bezug zu verschiedenen Kunstwerken aus der aktuellen Sammlung “Body & Soul. Denken, Fühlen, Zähneputzen”. Die künstlerischen Objekte sind bis Ende des Jahres im Schaufenster des KunstAktionsRaums auf der Ebene 4 im Dortmunder U ausgestellt.

Credit: Laila Schubert

Im Verlauf des FSJ Kultur muss jede*r Freiwillige*r ein eigenständiges Projekt in der Einsatzstelle umsetzen. Dabei sind sie frei in der Umsetzung und Gestaltung ihres Projekts und erhalten Unterstützung von ihren Einsatzstellen.

Die Idee zu Marisas Projekt “Kunst an den Körper!” entstand Anfang des Jahres. Im Schaufenster des KunstAktionsRaums hingen zu diesem Zeitpunkt schon seit längerer Zeit Bilder, welche von Kindern in den Kunstworkshops der Kunstvermittlung des MO gemalt wurden. Aus dem Wunsch heraus, das Schaufenster neu zu dekorieren, entstand die Idee, dort selbst entworfene und genähte Kleider auszustellen.

Zunächst wollte sie dafür Kleider aus recyceltem Material gestalten und das Thema “Upcycling” zum Ausgangspunkt ihrer Mini-Kollektion machen. Beim Durchblättern des Katalogs zur aktuellen Sonderausstellung des Dortmunder U “Studio 54: Night Magic” wurde Marisa dann aber von den außergewöhnlichen Outfits inspiriert, welche in den 70er Jahren in der berühmten New Yorker Diskothek zur Schau gestellt wurden. Von da an hatte sie den Plan, Kleider zu gestalten, die so außergewöhnlich waren, dass man sie im Studio 54 hätte tragen können. Dabei kam ihr die Idee, die Designs der Kleider auf Gemälde aus der Sammlung “Body & Soul” abzustimmen.

Das Schaufenster des KunstAktionsRaums ist ein Trikolon, das heißt, es besteht aus drei bodentiefen Fenstern. Aus diesem Grund war schnell klar, dass drei verschiedene Kleider angefertigt werden mussten, um das Schaufenster zu füllen. Bei der Auswahl der Kunstwerke, die als Vorlage für die Kleider dienten, spielte nicht nur Marisas persönlicher Geschmack eine Rolle, sondern der Fokus lag vor allem auf der Umsetzung. Welches Motiv eignete sich dafür, ein Kleid daraus zu machen? Welches Kunstwerk ließ sich am Körper tragen?

Credit: Laila Schubert

Das erste Kunstwerk, auf das Marisas Wahl fiel, war das auffällige Ölgemälde “Femme nue couchée” (1965) von Pablo Picasso im Eingangsraum der Sammlungspräsentation. Das Bild zeigt eine nackte Frau vor einem hellblauen Hintergrund.

Credit: Laila Schubert

Tatsächlich mochte Marisa das Kunstwerk zu Beginn nicht besonders gern, entschied sich aber dennoch dafür, das Gemälde als Vorlage für ihr erstes Kleid zu nehmen, da sich die Farben und Konturen des Bildes perfekt für die Umsetzung eigneten. Es entstand ein auffälliges Couture-Stück, für das die Körperteile der “Femme” neu zusammengesetzt und auf ein hellblaues Grundkleid genäht wurden. Die einzelnen Formen wurden durch Bezüge aus Baumwollstoff nachempfunden und mit Fleece-Einlagen auf der Innenseite verstärkt. Die grafischen Muster aus Acrylfarbe verleihen dem Ganzen einen modernen Twist.

Credit: Laila Schubert

Das zweite Kleid entstand in Bezug zum Gemälde “Staffelalp bei Mondschein” aus dem Jahre 1919 von Ernst Ludwig Kirchner. Im Hintergrund des Bildes liegt eine einzelne Bergkette. Aus diesem Grund musste ein möglichst durchscheinender, leichter Stoff verwendet werden, um die Tiefe und Dimension des Originalgemäldes nachzuempfinden. Insgesamt wurden 40 Meter Tüll aus acht verschiedenen Farben verarbeitet. Der ausgestellte Rock mit den überlagerten Schichten soll den Fuß des Bergs auf der linken Seite des Bildes imitieren, das plissierte rosa Oberteil den scharfen Gipfel im Licht der Nacht.

Credit: Laila Schubert

Das dritte und letzte Kleid entstand in Bezug zum Gemälde “Doppelbildnis S. und L.” von Karl Schmidt-Rottluff aus dem Jahre 1917. Zuerst wollte Marisa dafür ein Patchworkkleid entwerfen, entschied sich jedoch schließlich für ein handbemaltes Schlauchkleid. Die bunten Flächen des Originalgemäldes wurden vergrößert und mit Acrylfarbe auf hautfarbenen Baumwollstoff übertragen. Bei genauerem Hinschauen erkennt man, dass das Kleidungsstück aus zwei übereinander gelegten Stoffbahnen besteht, welche jeweils die  Gesichter des Gemäldes repräsentieren sollen. Die auffälligen Cut-Outs verdeutlichen dies und geben darüber hinaus einen Blick auf den Körper der Träger*in frei.

Credit: Laila Schubert
Credit: Laila Schubert

Das Projekt erstreckte sich insgesamt über einen Zeitraum von etwa sechs Monaten.

Von Januar bis Anfang März arbeitete Marisa zunächst eine detaillierte Planung aus. Dabei suchte sie die passenden Objekte aus, entwarf die Designs, erstellte eine Kostenübersicht und plante die Durchführung.

Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios

Ab März kaufte sie die passenden Stoffe und fertigte das erste Kleid (das “Kleid Picasso”) an. Im Mai wurden dann die weiteren beiden Kleider von ihr genäht, bevor ab Juni die Fotos der “Kunst am Körper!”-Kleider geshootet und das Schaufenster eingerichtet wurden. Ab dem 15. Juni 2021 konnten die ersten Besucher*innen das neu dekorierte Schaufenster bewundern. Jedes der drei Kleider ist in einem der Fenster ausgestellt, im Hintergrund des KunstAktionsRaums laufen auf einer großen Leinwand die Modefotos als Diashow. Dadurch wirken nicht nur die einzelnen Kleider für sich, sondern zeigen den Betrachter*innen auch wie die Kleider angezogen wirken.

Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios

Das Projekt “Kunst am Körper!” ist umso beeindruckender, je mehr man über seinen Schaffensprozess erfährt. So hatte Marisa vor Beginn des Projekts keinerlei Näherfahrungen und stand zwischenzeitlich sogar vor dem Problem, dass eines der Kleider eingelaufen war.

Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios 
Credit: Marisa Laios
Credit: Marisa Laios

Während ihres Projekts beschäftigte sich Marisa intensiv mit dem Zusammenhang zwischen Kunst und Kleidung und setzte sich auf eine neuartige Weise mit den ihr vertrauten Gemälden aus der Sammlung des MO auseinander. Dadurch änderte sich auch ihr eigenes Kunstverständnis und ihre Haltung gegenüber den Kunstwerken: Durch Picassos Stil und eine Doku über ihn und seine Frauen zunächst vom Künstler abgeschreckt, änderte sich Marisas Meinung über sein Werk “Femme nue chouchée” immer mehr, je genauer sie sich mit dem Kunstwerk auseinandersetze. Auch tiefgründige Fragen über Verbindung zwischen Kunst und Künstler*in kamen bei ihr auf. “Zuerst wollte ich ein Gemälde von Emil Nolde umsetzen, bis ich erfahren habe, dass er ideologisch den Nationalsozialisten nahe stand und sogar Parteimitglied war.”, erzählt Marisa, “Ab da an habe ich mir die Frage gestellt, inwiefern man Kunst vom Künstler trennen darf.” Mittlerweile ist sie sehr froh darüber, dass ihre Wahl auf das Gemälde von Picasso gefallen ist – inzwischen ist es sogar zu ihrem Lieblingsstück der aktuellen Sammlung geworden.

Credit: Marisa Laios
 

Letztendlich sind drei außergewöhnliche Kleider entstanden, die dem Titel “Kunst an den Körper!” mehr als gerecht werden. In Zukunft möchte die Designerin Marisa das Nähen und Schneidern weiter als Hobby verfolgen. “Ich habe noch etwas Stoff übrig und viele Ideen und Pläne in meinem Kopf, was ich als nächstes gestalten könnte.”, erzählt sie. Die nächsten Designs sollen sich aber nicht mehr auf bestimmte Kunstwerke oder eine bestimmte Stil-Ära beziehen, sondern alltagstauglicher werden und ihrem persönlichen Stil entsprechen. Auch ein Modedesignstudium kommt für Marisa nicht in Frage, obwohl ihr das Projekt viel Spaß gemacht hat. “Ich möchte nach Abschluss meines FSJ Kultur Kunstgeschichte studieren.”, erklärt sie, “Und mich lieber theoretisch als praktisch mit Kunst beschäftigen.”

Credit: Museum Ostwall

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